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In der Oktoberausgabe der „Schöner Wohnen“ findet ihr ein mehrseitigen Artikel über die Herstellung unseres Designklassikers.

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Schöner Wohnen – So entsteht ein Hardoy Butterfly Chair

Hier könnt ihr den Artikel lesen: Schöner Wohnen – So entsteht ein Hardoy Butterfly Chair

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Es folgt der Artikel aus der Schöner Wohnen, Ausgabe Oktober 2016, Seite 124 – 126. 

Was der weltberühmte „Butterfly Hardoy Chair“ mit einem Bauernhof in Brandenburg zu tun hat? Jede Menge. Denn in Jüterbog, 70 Kilometer von Berlin entfernt, entsteht das Leder für die Husse des Designklassikers. Mehr als 200 Wasserbüffel leben auf dem Biohof Bobalis. Und wer sie besucht, merkt gleich: Es liegen Welten zwischen diesen imposanten Tieren mit dem sanften Blick und den hochgezüchteten Kühen der Hightech-Milchwirtschaft. Sie verbringen ihre Tage auf der Weide, fressen Heu und Gras, die Büffelkälber dürfen drei Monate lang die Milch der Muttertiere trinken. Zweimal am Tag werden die Kühe gemolken, aus der laktosearmen Milch stellt man in der Hofkäserei Mozzarella, geräucherten Scamorza und Büffeljoghurt her. Die Produkte werden an Bioläden und Restaurants im Berliner Raum verkauft. Dem Züchter Henri Henrion, der Ende der 90er-Jahre hier den Hof seiner Großeltern wieder aufbaute und mit seiner Frau Brandenburgs erste Büffelzucht startete, war wichtig, seine Tiere artgerecht zu halten – und möglichst umfassend („nose-to-tail“) zu verwerten. So wird nicht nur ihr Fleisch zu Salami, Bresaola und Leberwurst verarbeitet, sondern auch ihre geschwungenen Hörner zu Brillengestellen. Lediglich für die Büffelhäute hatte Henrion lange keine Verwendung. „Es hat mich geschmerzt, sie wegwerfen zu müssen, aber ich fand keinen Abnehmer“, sagt der Landwirt.

Bis er vor etwa zwei Jahren Mirko Endter traf. Der Unternehmer aus Oberfranken produziert mit seiner Firma Manufakturplus seit 2007 den „Butterfly Hardoy Chair“ – einen Designklassiker von 1938, der aus einem Stahlrohrgestell und darübergezogener Husse aus Stoff oder Leder besteht. Das so einfache wie bequeme Möbelstück war inspiriert von faltbaren Feldstühlen und wird seit fast 80 Jahren international von diversen Herstellern produziert. Mirko Endter suchte nach einer Möglichkeit, den „Hardoy“-Sessel nicht nur hochwertig und nach dem Vorbild des Originals im New Yorker Museum of Modern Art herzustellen, sondern auch nachhaltig, regional und frei von Schadstoffen. „Wenn es um Kinderspielzeug oder Lebensmittel geht, ist die Sensibilität der Leute für das Thema Schadstoffe sehr hoch“, stellt Endter fest, „doch beim Möbelkauf stehen nach wie vor Kritierien wie Ästhetik und Preis im Vordergrund.“

Dabei ist es gerade bei Leder wichtig, auf die Herkunft und Verarbeitung des Materials zu achten. Organisationen wie Peta und Greenpeace warnen vor Lederwaren, die in Indien oder Bangladesch gegerbt wurden. Nicht nur, dass die Chromgerbung in diesen Ländern mit Umweltverschmutzung, Tierquälerei und gefährlichen Arbeitsbedingungen verbunden ist – es besteht auch die Gefahr, dass im fertigen Produkt Chrom VI entsteht, eine Verbindung, die Allergien auslösen und Krebs erregen kann. Frank Fiedler, Geschäftsführer der Gerberei Heller im niedersächsischen Hehlen und ein Sprecher des Verbandes der Deutschen Lederindustrie (VDL), schätzt, dass 80 bis 90 Prozent des Leders, das in der heimischen Möbelindustrie verarbeitet wird, nicht aus Deutschland stammt. Hierzulande arbeiten Gerbereien mit hohen Umweltstandards – doch woher das Leder stammt, ist beim Möbelkauf oft nicht nachvollziehbar. Wer sicher sein will, das sein Sofaleder in Deutschland gegerbt wurde, sollte sich beim Hersteller erkundigen.

„Wir sollten über die Qualität unserer Möbelstücke genauso nachdenken wie über die unserer Nahrung“, sagt Mirko Endter. Gemeinsam mit Henri Henrion machte der Unternehmer sich daher an die Entwicklung von vegetabil gegerbtem Bio-Büffelleder. Und stieß erst einmal auf Schwierigkeiten. Da auf dem Biohof bloß wenige Tiere pro Monat geschlachtet werden, kommt nur eine kleine Anzahl an Häuten zusammen – die wenigen deutschen Gerbereien, die es noch gibt, benötigen aber Mindestmengen, um eine Gerbung durchführen zu können. Endter fand schließlich eine Traditionsfirma im hessischen Runkel, die auch kleinere Mengen bearbeitet. In der Gerberei Beuleke werden die Häute gewaschen, gespalten und getrocknet – nach der vegetabilen Gerbung sind sie zunächst weiß, werden dann gefärbt und nachgegerbt, weichgeklopft und aufbereitet. Eine Besonderheit des Bio-Büffelleders: Es wird nicht versiegelt wie bei Neck- oder Blankleder üblich, sondern bleibt offenporig und atmungsaktiv, wodurch man einen angenehmen Sitzkomfort hat und das Material am Ende seines (langen) Lebenszyklus kompostierbar ist. Das Leder ist zwar empfindlicher gegen Flecken und Verfärbungen – aber diese Patina wird heute von immer mehr Leuten geschätzt.

Anders als bei Rindsleder aus Stallhaltung zeigt das Bio- Büffelleder viele Naturmerkmale wie kleine Verletzungen, Insektenstiche, Narben – denn die Tiere haben ihr Leben auf der Weide verbracht! In vielen Möbelfabriken würde Leder mit zu vielen Naturmerkmalen aussortiert, anders bei Manufakturplus. Wenn das Material in der Werkstatt im bayrischen Weidhausen eintrifft, verteilt man die Schnittmuster so auf die Häute, dass die Naturmerkmale integriert werden. Im nächsten Schritt werden die vier Lederteile mit einem schützenden Keder zwischen den Nähten zusammengefügt und auf das ebenfalls in Weidhausen geschweißte Stahlrohrgestell gezogen. Vor der Verpackung überprüft Mirko Endter noch einmal jede einzelne Husse und verzeichnet die Naturmerkmale in einem Produktpass. Schließlich sollen die Kunden wissen, das es keine Verarbeitungsfehler sind. „Wir merken, dass sich der Geschmack der Zeit ändert“, erklärt Mirko Endter. „Früher musste Leder makellos und pflegeleicht sein, heute darf es schon mal Narben und Insektenstiche zeigen. Schließlich sind das Spuren, die von einem glücklichen Wasserbüffel- Leben erzählen.“

www.manufakturplus.de

Ende des Artikels.
Mit freundlicher Genehmigung der Schönen Wohnen.